Viele Frauen starten zu spät – warum Folsäureprävention oft nicht rechtzeitig greift

Interview zum Internationalen Tag der Frauengesundheit am 28. Mai

Frankfurt am Main, 05.05.2026 – Der Internationale Tag der Frauengesundheit am 28. Mai macht jedes Jahr auf gesundheitliche Bedürfnisse und Herausforderungen von Frauen aufmerksam. Ein oft unterschätzter Bereich ist dabei die Folatversorgung ab Kinderwunsch. Sie trägt wesentlich zur gesunden Entwicklung des Kindes in der frühen Schwangerschaft bei. Aus diesem Anlass sprechen Privatdozentin Dr. Anke Rißmann, Sprecherin des Arbeitskreises Folsäure & Gesundheit, Kinderärztin sowie Leiterin des deutschlandweit einzigen Fehlbildungsmonitorings in Sachsen-Anhalt, und  niedergelassene der Gynäkologe Dr. Frank Thieme, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises sowie stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF), über den aktuellen Stand der Folatversorgung in Deutschland, vermeidbare Risiken wie Neuralrohrdefekte und weshalb Prävention bereits vor der Schwangerschaft beginnen muss.

Die Supplementierung von Folsäure vor und während der Schwangerschaft wird seit Jahrzehnten empfohlen – unter anderem, um das Risiko für Neuralrohrdefekte wie Spina bifida (auch „offener Rücken“ genannt) zu senken. Dennoch entstehen weiterhin Fälle, die vermeidbar wären. Woran scheitert es aus Ihrer Sicht?

PD Dr. Anke Rißmann: Obwohl es seit vielen Jahren klare Empfehlungen gibt, bestehen weiterhin Hürden. Ein zentrales Problem ist die fehlende Aufklärung vor der Schwangerschaft. Viele Frauen wissen, dass Folsäure wichtig ist, aber nicht, dass sie bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft eingenommen werden sollte. Hinzu kommt, dass die Supplementation häufig nicht täglich erfolgt und damit die notwendigen Folatspiegel gar nicht erreicht werden. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle, etwa wenn Schwangerschaften spontan entstehen oder ärztliche Beratung im Vorfeld nicht stattfindet.
Dr. Frank Thieme: Der genannte hohe Anteil ungeplanter Schwangerschaften spielt eine wichtige Rolle. In diesen Fällen findet eine präkonzeptionelle Beratung oft gar nicht statt. Aber auch bei geplanten Schwangerschaften wird die Empfehlung nicht immer konsequent umgesetzt, etwa aufgrund unterschiedlicher Gesundheitskompetenz oder Lebensumstände. Ein Blick ins Ausland zeigt zudem, dass strukturelle Maßnahmen einen Unterschied machen können: Länder mit einer verpflichtenden Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure verzeichnen deutlich niedrigere Raten an Neuralrohrdefekten. In Deutschland wird dieser Ansatz bislang nicht verfolgt.

Wie stellt sich die aktuelle Situation bei Neuralrohrdefekten in Deutschland dar – und warum ist das Thema gerade im Kontext der Frauengesundheit so bedeutsam?  Und welches Potenzial steckt in einer frühzeitigen und konsequenten Folsäuresupplementierung gemäß den Empfehlungen?

PD Dr. Anke Rißmann: Neuralrohrdefekte gehören zu den schwersten angeborenen Fehlbildungen des zentralen Nervensystems. Sie können zu schweren Behinderungen oder sogar zum Tod führen. Die Daten aus dem Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt zeigen seit Jahren eine nahezu unveränderte Häufigkeit von etwa 1 Fall pro 1.000 Schwangerschaften. Jährlich sind in Deutschland mehrere hundert Kinder betroffen, hinzu kommen Schwangerschaftsabbrüche nach pränataler Diagnose. Gleichzeitig ist das Präventionspotenzial enorm: Eine konsequente Einnahme von 400 Mikrogramm Folsäure bereits 4 Wochen vor der Schwangerschaft kann das Risiko um bis zu 70 Prozent senken.

Neuralrohrdefekte entstehen sehr früh in der Schwangerschaft. Welche Konsequenzen hat dieser frühe Zeitpunkt für die Prävention – und warum ist eine gute Folatversorgung, auf Basis einer folatreicher Ernährung plus frühzeitiger Supplementierung, bereits vor der Schwangerschaft so entscheidend?

PD Dr. Anke Rißmann: Das Neuralrohr schließt sich sehr früh, am 28. Tag der Schwangerschaft, da hat die Frau die Schwangerschaft oft überhaupt noch nicht bemerkt. Deshalb muss die ausreichende Folatversorgung bereits vor der Befruchtung gesichert sein. Eine folatreiche Ernährung, unter anderem mit grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Jodsalz mit Folsäure, reicht dafür meist nicht aus, da die Bioverfügbarkeit von natürlichem Folat deutlich geringer als von Folsäure ist. Die Folsäure-Supplementierung wirkt hier wie ein Sicherheitsnetz und stellt eine stabile und ausreichende Versorgung sicher.

Viele Frauen haben schon von Folsäure gehört – dennoch beginnen viele erst mit der Einnahme, wenn sie bereits schwanger sind. Wie erleben Sie dieses Thema im Praxisalltag?

Dr. Frank Thieme: Das Wissen über Folsäure ist grundsätzlich vorhanden. Dennoch sehen wir, dass viele Frauen erst mit der Einnahme beginnen, wenn sie bereits schwanger sind. Ein wesentlicher Grund sind ungeplante Schwangerschaften, aber auch Unterschiede in Gesundheitskompetenz und im eigenen Informationsverhalten spielen eine Rolle. Im Praxisalltag stellt sich oft die Frage, wann das Thema angesprochen werden sollte. Idealerweise immer dann, wenn Frauen im gebärfähigen Alter sind und nicht erst, wenn ein konkreter Kinderwunsch geäußert wird.

Sind die aktuellen Empfehlungen zur Folsäure-Supplementierung aus Ihrer Sicht klar genug – oder braucht Prävention einfachere, eingängigere Botschaften, die bei den Frauen besser hängen bleiben?

PD Dr. Anke Rißmann: Die offiziellen Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften wie der Deutsche Gesellschaft für Ernährung sind inhaltlich präzise: 400 µg Folsäure täglich, beginnend 4 Wochen vor der geplanten Schwangerschaft, bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche. Das Problem liegt weniger im Inhalt als in der Verständlichkeit. Viele Frauen erkennen nicht, warum der frühe Beginn so wichtig ist. Prägnante Botschaften könnten helfen, das besser zu vermitteln, so wie „Pille ab, Folsäure an“?
Dr. Frank Thieme: Viele präventive Maßnahmen scheitern nicht am Wissen, sondern daran, dass sie im entscheidenden Moment nicht präsent sind. Eine Botschaft wie „Folsäure wirkt, bevor du schwanger bist“ kann hier deutlich verhaltenswirksamer sein.

In der repräsentativen Umfrage des Arbeitskreises Folsäure & Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut YouGov* gaben nur 5 % der befragten Frauen an, dass die Kosten der Supplemente für sie eine Rolle spielen. Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht entscheidender für eine gute Adhärenz?

Dr. Frank Thieme: Das deckt sich mit den Erfahrungen im Praxisalltag. Entscheidend sind vielmehr Faktoren wie der richtige Zeitpunkt, das Verständnis für die Bedeutung der Einnahme und die Integration in den Alltag. Auch die Qualität der ärztlichen Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Kurz gesagt: Nicht der Preis ist das Problem, sondern Timing und Umsetzung.

Wenn Sie zum Internationalen Tag der Frauengesundheit eine zentrale Botschaft formulieren müssten – wie würde sie lauten?

PD Dr. Anke Rißmann: Prävention beginnt nicht erst mit der Schwangerschaft, sondern mit der Gesundheit jeder Frau im gebärfähigen Alter. Folsäure ist kein „nice-to-have“, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die gesunde Entwicklung des ungeborenen Kindes.
Dr. Frank Thieme: Folsäure schützt das Kind, bevor eine Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird. Deshalb gilt: Bei Kinderwunsch jetzt beginnen – nicht erst später.

Vor und während der Schwangerschaft an Folat und Folsäure denken

Gleich zu Schwangerschaftsbeginn läuft die Zellteilung auf Hochtouren – aus der befruchteten Eizelle entsteht ein Embryo. Bereits in dieser frühen Phase werden wichtige Gewebestrukturen wie das Herz und das Neuralrohr gebildet. Damit sich das zentrale Nervensystem samt Gehirn und Rückenmark normal entwickeln kann, schließt sich das Neuralrohr bereits in einer frühen Phase der Schwangerschaft, bis zum Ende der vierten Schwangerschaftswoche. „Bei etwa 1 von 1.000 Schwangerschaften in Deutschland kommt es allerdings zu keinem oder nur einem unvollständigen Verschluss, was Medizinerinnen und Mediziner als Neuralrohrdefekt bezeichnen. Zu den bekanntesten Formen zählt die Spina Bifida, umgangssprachlich oft auch ‚offener Rücken‘ genannt. Je nach Schweregrad können Neuralrohrdefekte zu erheblichen, bleibenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen“, erklärt Privatdozentin Dr. med. Anke Rißmann, Leiterin des Fehlbildungsmonitorings Sachsen-Anhalt und stellvertretende Sprecherin des Arbeitskreis Folsäure & Gesundheit. „Eine rechtzeitige und bedarfsgerechte Versorgung mit Folat und Folsäure kann dabei helfen, das Risiko für Neuralrohrdefekte zu senken. Laut Expertinnen und Experten ließen sich so mindestens 50 Prozent aller Fälle vermeiden“, so die Kinderärztin weiter. Doch welche Bedeutung haben Folate in der Schwangerschaft und wie lassen sich präventiv wirksame Folatspiegel im Körper erreichen?

Folate für Zellteilungs- und Wachstumsprozesse

Unter dem Begriff Folate werden verschiedene Verbindungen oder Formen des Vitamins B9 zusammengefasst. Dazu gehören Folate, die natürlicherweise in Lebensmitteln vorkommen, aber auch die synthetisch hergestellte Folsäure. Die beständigere Folsäure dient zum Beispiel der Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln oder der Anreicherung von Lebensmitteln wie Speisesalz für den Gebrauch im Haushalt. „Folate spielen insbesondere in der Schwangerschaft eine wichtige Rolle, da sie an Zellteilungs- und Wachstumsprozessen beteiligt sind. Eine Unterversorgung in dieser Zeit kann das Risiko für Neuralrohrdefekte und andere angeborene Fehlbildungen erhöhen“, sagt Rißmann. „Das Ziel ist es, durch eine folatreiche Ernährung und eine zusätzliche Einnahme von Folsäure bereits vor einer Schwangerschaft präventiv wirksame Folatspiegel bei der Mutter zu erreichen.“

Auf frühzeitige Folsäuresupplementation achten

Eine folatreiche Ernährung unter anderem mit viel grünem Blattgemüse, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten bildet eine gute Ausgangsbasis. Doch in Deutschland nehmen viele Frauen im gebärfähigen Alter nicht genügend Folat über die Nahrung auf und haben mit Blick auf eine mögliche Schwangerschaft zu niedrige Folatspiegel im Körper. Erschwerend kommt hinzu, dass der Folatbedarf schon ab der Empfängnis, also der Befruchtung der Eizelle, erhöht ist. „Aus diesem Grund wird allen Frauen, die schwanger werden möchten oder könnten, die zusätzliche Einnahme von 400 Mikrogramm Folsäure am Tag in Tablettenform empfohlen. Denn meist ist nur so ein Erreichen eines präventiv wirksamen Folatspiegels möglich“, betont Rißmann und ergänzt: „Mindestens vier Wochen vor der Schwangerschaft, im Prinzip schon ab einem konkreten Kinderwunsch, sollten Frauen mit der Einnahme von Folsäurepräparaten beginnen und zumindest über das gesamte erste Schwangerschaftsdrittel beibehalten.“ Wer damit aber erst kurz vor oder bei Schwangerschaftsbeginn starten kann, sollte vorsorglich 800 Mikrogramm Folsäure am Tag einnehmen. Beratung rund um die Supplementation und eine bedarfsgerechte Ernährung erhalten Frauen und Paare mit Kinderwunsch beispielsweise in der Frauenarztpraxis, in der Apotheke und bei Ernährungsfachkräften.

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Quellen:

Auch gut fürs Herz: Folsäuresupplementation geht mit vermindertem Risiko für angeborene Herzfehler einher

Von der ersten Schwangerschaftswoche an läuft die Zellteilung auf Hochtouren, damit aus der befruchteten Eizelle ein Embryo entsteht. Bereits früh werden dabei das Herz sowie das Neuralrohr gebildet, aus dem sich das zentrale Nervensystem entwickelt. „Eine Unterversorgung der Schwangeren in dieser Zeit mit dem B-Vitamin Folat kann nicht nur das Risiko für Neuralrohrdefekte, sondern auch das für angeborene Herzfehler erhöhen“, sagt Professorin Dr. Rima Obeid von der Universität des Saarlandes und Beisitzerin im Arbeitskreis Folsäure & Gesundheit. In einer systematischen Übersichtsarbeit zeigten Obeid und ihr Team: Die Wahrscheinlichkeit ein Kind mit angeborenem Herzfehler zu bekommen, war bei denjenigen Frauen niedriger, die folsäurehaltige Supplemente in der Schwangerschaft eingenommen haben.1

Risiko um 18 Prozent geringer

Angeborene Herzfehler sind mit einer Häufigkeit von rund 80 Fällen pro 10.000 Geburten in Europa die häufigste Form angeborener Fehlbildungen bei Neugeborenen (31,2 Prozent). Die Ursachen für Fehlbildungen am Herzen sind dabei vielfältig. „Zu den Risikofaktoren zählen genetische Faktoren, Infektionserkrankungen oder Alkoholkonsum. Aber auch die mütterliche Folsäuresupplementation vor und während der Schwangerschaft hat möglicherweise einen Einfluss“, erklärt Obeid. „Unsere Analyse von über 40 weltweit durchgeführten Studien hat gezeigt, dass das Risiko für angeborene Herzfehler um 18 Prozent geringer war, wenn die Mütter ein Folsäure- oder gleichwertiges Folatpräparat in dieser Zeit einnahmen. Das unterstreicht abermals die präventive Bedeutung von Folsäure“, so die Wissenschaftlerin.

Gute Folatversorgung spätestens ab Kinderwunsch

„Um ausreichende und präventiv wirksame Folatspeicher im Körper zu erreichen, sollten Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, mindestens vier Wochen vor einer Schwangerschaft mit der Supplementation beginnen und diese mindestens bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels fortführen“, rät Obeid. Zahlreiche Fachgesellschaften und medizinische Berufsverbände empfehlen, neben einer folatreichen Ernährung zusätzlich 400 Mikrogramm Folsäure oder gleichwertige Folatverbindungen in Tablettenform einzunehmen. Wenn erst kurz vor oder bei Schwangerschaftsbeginn mit der Einnahme begonnen wird, raten Experten zu einer Dosierung von 800 Mikrogramm am Tag. Für eine gute Ausgangsbasis sorgt eine folatreiche Ernährung mit vielen verschiedenen Gemüsesorten wie Brokkoli, Grünkohl, Fenchel, Tomaten, Spargel und grünem Blattgemüse, aber auch mit Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkornprodukten und Eiern. Beim Kochen im eigenen Haushalt kann zusätzlich mit Folsäure und Jod angereichertes Speisesalz verwendet werden.

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Quellen:
1 Hans J., Abul-Khaliq, Obeid R. (2021) Der Zusammenhang zwischen Folsäuresupplementierung in der Schwangerschaft und angeborenen Herzfehlern. Gyne, 6/2021, S.23-27

2 Bundesinstitut für Risikobewertung – BfR (2015) Fragen und Antworten zu Folat und Folsäure. https://www.bfr.bund.de/cm/343/fragen-und-antworten-zu-folat-und-folsaeure.pdf (zuletzt aufgerufen am 11.05.2022)

 

Zur Person:
Prof. Dr. Rima Obeid studierte Pharmazie und Public Health und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum des Saarlandes. Sie leitet die Forschungsgruppe in der Klinischen Chemie und Laboratoriumsmedizin und beschäftigt sich mit den Folgen von Vitamin B12- und Folatmangel, insbesondere bei Schwangeren und älteren Menschen.

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Vermittlung neuer evidenzbasierter Forschungsergebnisse über die Vorteile der Folsäure- beziehungsweise Folatsupplementation in der Schwangerschaft. Mit der Aufklärung zu diesem Thema verfolgt sie das Ziel, die Akzeptanz und das Bewusstsein für frühzeitige und bestmögliche Vorsorgemaßnahmen insbesondere bei jungen Frauen zu steigern.